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Grundlagen in der Zucht

Stichworte: Erbfehler, Spaltpenis, Zähne, Zahnfehler

von Karl Schwab » 25. Aug 2004 00:18

Grundlagen in der Zucht

Hallo NiceDay,

zur Züchtung sind sicher nicht nur die Kenntnisse der Genetik von ausschlaggebender Wirkung. Denn sonst wäre vor Mendel und Watson/Crick & Co keine Züchtung möglich gewesen und genau in die Zeit Mendels fielen enorme Fortschritte in der Tierzucht. Bereits die alten Griechen befaßten sich "wissenschaftlicher" Methoden in der Pferdezucht und auch im Buch Mose im AT (Abraham und Laban) ist dokumentiert, daß man sich Gedanken über die Scheckenzucht bei Ziegen machte, auch wenn man es sich nicht klar machen konnte warum und weshalb.

Viele Wege führen nach Rom und so war meine Aussage auch zu verstehen. Du gehst einen anderen Weg, doch ich finde, die Leistungsmerkmale Aufzucht und Milch sind in der mütterlichen Linie einfacher zu beobachten. Außerdem ist es einfacher, bei einem Rammler, der nicht "einschlägt", wieder alles in die Ausgangsbasis zu stellen, wie wenn man seine Zucht auf der männlichen Linie aufbaut. Diese Aussage stimmt natürlich nur, wenn man nicht von vornherein eine geschlossene Zucht aufmachen will und daher ab und zu Tiere zukauft. Ganz klar ist jedoch auch, daß mir ein hervorragender Rammler mit guter Nachzucht lieber ist, als ein durchschnittlicher.

Auch in der freien Natur sind Familienverbände und kleinere Herden meist über die weiblichen Tiere aufgebaut und das männliche Leittier wechselt. Und bis jetzt ist mir selten untergekommen, daß Entwicklungen in der Evolution total daneben waren.

Man kann also mit guten Gründen zu einem anderen Ergebnis als Du für den Zuchtaufbau kommen.

Mit freundlichen Grüßen
Karl Schwab
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von NiceDay » 25. Aug 2004 02:36

Hallo Karl!

(1) Kaninchen lassen sich auch ohne Genetikkenntnisse züchten.

(2) Ich züchte ziemlich kleine, gescheckte Kaninchen mit Hängeohren. Und - der Standard 2004 betrifft mich nicht. Meine Vorgaben sind andere. Ich kann es mir aufgrund dieser Vorgaben nicht leisten meine Linie zu verlassen, da sich das fatal auf die Gewichtsentwicklung meiner Kaninchen auswirken würde. Ich kaufe kaum Tiere zu. In den letzten vier Jahren waren es zwei. Außerdem hatte ich das Glück oder auch das Pech - jedes Ding hat zwei Seiten - dass in den Würfen meiner Zucht - betrifft vor allem die gescheckten Tiere - überproportional viele Rammler fielen und noch immer fallen. Es waren einige dabei, die meinen Vorstellungen entsprachen. Aufgrund ihres Körpergewichts und ihrer Größe waren bzw. sind sie für die Verpaarung mit fremden Häsinnen mehr als geeignet.
Andererseits hatte ich pro Zuchtjahr nur eine geringe Anzahl an Häsinnen zur Verfügung, die sich in die Zucht einbauen ließen. Das hat dazu geführt, dass ich Althäsinnen bis zu vier Jahre und mehr verwende. Bei den Junghäsinnen sehe ich auch 'mal über einen Fehler hinweg, wenn sie das, was ich für wichtig erachte, aufweisen. Meine weitere Vorgangsweise habe ich bereits beschrieben (siehe oben, noch als Gast, fängt mit Heritabilität an).
Nicht erwähnt habe ich, dass meine Häsinnen meistens um 200 - 300 g schwerer sind als die Rammler. Das hat gute Gründe und hängt mit mehreren Faktoren zusammen, vor allem aber mit der Wurfstärke. Größere Häsinnen haben meistens größere Würfe. Der Anteil an gescheckten Tieren ist zwangsläufig höher. Das kann mir doch nur recht sein! Natürlich setze ich auch kleinrahmigere Häsinnen ein. Hier habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Größe des Muttertieres nicht in ursächlichem Zusammenhang mit der Wurfstärke steht. Ich hatte bereits Häsinnen, die trotz ihrer Größe noch 8 oder 9 Junge warfen. Das ist für eine "Zwerg"rasse mehr als beachtlich. Aufzucht- und Milchleistung spielen auch in meiner Zucht eine große Rolle.

Meine Zucht definiert sich über die Rammler, da sie die jenigen sind, die dafür sorgen, dass die Nachzucht in einem bestimmten Größenrahmen bleibt. Ich setze keine fremden Rammler ein, da die meisten nicht den von mir bevorzugten Typ entsprechen. Bei den Häsinnen ist das ein geringeres Problem, da sie von Haus aus etwas schwerer sein dürfen.

Mit freundlichen Grüssen

NiceDay
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von Karl Schwab » 25. Aug 2004 23:42

Hallo NiceDay,
habe ich da etwas nicht mitgekriegt?

>man müsste zumindest Bescheid wissen, welchem Erbgang die Anlage zum Spaltpenis bzw. die Anlage zum
>angewachsenen Penis folgt.

Wenn Du darüber etwas genaues weißt, dann lasse es mich bitte auch wissen.

Viele Grüße
Karl
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von NiceDay » 27. Aug 2004 11:24

Hallo Karl!

Die Genetikkenntnisse betreffend - ich habe mir sagen lassen, man müsste zumindest Bescheid wissen, welchem Erbgang die Anlage zum Spaltpenis bzw. die Anlage zum angewachsenen Penis folgt.


Meine beiden Vereinskollegen geben aufgrund ihrer Erfahrungen an, dass der Spaltpenis und der angewachsene Penis durch ein einfach mendelndes rezessives Gen verursacht werden.

Zur Bestätigung des ersteren - Spaltpenis - folgendes Zitat aus "Unsere Kaninchenrassen - Band I, Vererbungslehre von Heinrich Niehaus aus dem Jahr 1986, erschienen bei Oertel + Spörer, Reutlingen (Seite 103f):

[center]"Geschlechtsorgane - Hypospadie (Spaltpenis)"[/center]

" Es handelt sich dabei um eine erblich bedingte Spaltbildung an der Unterseite des Penis, die durch ein einfach mendelndes rezessives Gen (hy) bewirkt wird und deshalb nur bei reinerbig befallenen Tieren (hy/hy) in Erscheinung tritt.

Die Ausprägung der Spaltbildung kann nach Robinson (1958*) sehr unterschiedlich sein, was auch durch eigene Beobachtungen (Niehaus) festgestellt werden konnte. Bei normalen Kaninchen ist die Öffnung der Harnröhre im allgemeinen elliptisch. Bei hypospadischen Rammlern zeigt sich an der Öffnung ein Spalt, der sich im Extremmfall über die ganze Länge des Penis erstrecken kann. Derartige Tiere erscheinen auf dem ersten Blick wie Hermaphroditen. Das sind Tiere mit einer weiblichen Geschlechtsöffnung und in den Hodensäcken befindlichen Hoden. Solche Tiere sind im allgemeinen paarungsunfähig, weil eine Erektion (Versteifung) des Penis nicht möglich ist. Im übrigen sind Paarungsfähigkeit und die Möglichkeit einer fruchtbaren Paarung vom Grade der Ausprägung der Anomalie abhängig.

Robinson erhielt aus 11 Paarungen eines behafteten, aber noch deckfähigen Rammlers mit 4 nachweislich fruchtbaren Häsinnen keine Nachkommen, während in Celle bei Verwendung eines Rammlers mit nur mäßig ausgeprägter Spaltbildung 2 von 6 gepaarten Häsinnen tragend wurden und 2 bzw. 4 Jungtiere zur Welt brachten. Die mangelnde Befruchtungsfähigkeit von paarungsfähigen Hypospadikern ist auf eine verminderte Spermaqualität oder/und darauf zurückzuführen, dass das Sperma beim Deckakt vorzeitig durch den Spalt abfließt. Häsinnen mit reinerbig vorliegender Anlage für Hypospadie wurden nach Robinson (1958) nicht festgestellt.

Hypospadie ist zwar eine nur selten auftretende Anomalie, der Züchter sollte aber bei paarungsunfähigen Rammlern und solchen mit unbefriedigenden Paarungsergebnissen den Penis der betreffenden Tiere untersuchen und gegebenenfalls eine Bekämpfung durch züchterische Maßnahmen vornehmen."

(* R. Robinson: Genetic Studies of the Rabbit, Bibliographia Genetica Teil 17, Martinus Nijhoff, 1958)


Bezüglich des angewachsenen Penis habe ich keinen bestätigenden Literaturhinweis gefunden. Über diesen Defekt wurde im heurigen Jahr wiederholt im "Der Kleintierzüchter" geschrieben, ausgelöst durch die Bewertung eines Blauen Wieners bei der Bundesschau in Stuttgart, 2003. Vielleicht finde ich noch etwas!

Mit freundlichen Grüßen

NiceDay
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von Karl Schwab » 27. Aug 2004 13:10

Hallo NiceDay,
dieses Zitat aus Niehaus ist mir bekannt, allerdings kann ich es so nicht ganz nachvollziehen.

Ausgehend von der Tatsache, daß kein Rammler mit Spaltpenis zur Zucht eingesetzt wird, müßte dann ein Viertel, bzw. wenn die Mutter reinerbig wäre, die Hälfte der Rammler mit Spaltpenis behaftet sein. Viele haben teilweise über 50 Nachkommen p. a., normale Geschlechterverteilung vorausgesetzt, müßte man dann schon dieser Verteilung nahekommen. Davon sind alle mir bekannten Zuchten jedoch weit entfernt. Hinzu kommt noch, daß die Ausprägung eines Spaltpenis von ganz wenig, bis hin zu der Beschreibung von Niehaus ausfallen kann. Und das soll alles von e i n e m einfach mendelnden Gen herrühren?


Die Diskussion um die angewachsene Penisspitze habe ich auch mitverfolgt. Bei mir ist diese Erscheinung vor drei Jahren auch aus dem nichts aufgetaucht. In jenem Jahr hatte ich keinen fremden Rammler zugekauft. Bis jetzt habe ich auch noch nichts über die Art und Weise der Vererbung gelesen.

Freundliche Grüße
Karl
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von NiceDay » 28. Aug 2004 01:11

Hallo Karl!

Einer meiner beiden Kollegen züchtet neben Weißen auch Rote Neuseeländer. Er hat 2002 auf der Bundesrammlerschau in Kassel einen Rammler der RN erworben, bei dem man heute aufgrund der Nachzucht behaupten kann, dass er verdeckt die Anlage zum Spaltpenis trägt. Im ersten Zuchtjahr - sprich 2003 - traten keine Probleme auf. 2004 wurden die ersten Rückpaarungen durchgeführt und festgestellt, dass einige der Jungtiere einen Spaltpenis zeigen. Ich kann dir leider nicht sagen, wieviele es sind. Ich werde ihn bei der nächsten Vereinsversammlung 'mal interviewen.

Und das soll alles von e i n e m einfach mendelnden Gen herrühren?


Gute Frage! Ist der Erbgang des Spaltpenis polygen? W. Schlolaut gibt im "Großen Buch vom Kaninchen" (2003) an, dass eine Reihe von polygen vererbten Defekten bekannt sei. Ihr Anteil sei wesentlich geringer als der von mendelnden Anomalien, doch dürfte es aufgrund methodischer Schwierigkeiten eine beträchtliche "Dunkelziffer" geben. In der Tabelle 21 auf Seite 128f sind nur zwei enthalten. Der eine ist die Arteriosklerose, der andere die Skoliose (Verbiegung der Wirbelsäule). Eine Hypospadie ist nicht dabei.
Auf reh's Seite findest du unter Genetik, Krankheiten, ein Foto einer Wirbelsäulenkrümmung. Unter der Voraussetzung, dass das eine Skoliose ist und polygen beinhaltet, dass die Erscheinungsformen von schwach bis stark variieren können - das Tier auf dem Foto hat eine äußerst starke Krümmung, es sind auch welche mit schwächerer und schwacher bzw. kaum wahrnehmbarer Krümmung aufgetreten - könnte der Erbgang des Spaltpenis auch polygen sein.

Eine andere Möglichkeit wäre eine unvollständige Penetranz bzw. Manifestierungshäufigkeit. Diese erklärt zwar die Übergänge von stark bis schwach nicht, könnte jedoch dafür verantwortlich sein, dass das Merkmal im Vergleich zur Prognose bei einem weit geringeren Teil sichtbar in Erscheinung tritt. Bei der erblichen Oberkieferverkürzung (Brachygnathia superior) hat sich herausgestellt, dass rund 20 % der Tiere diesen Defekt nicht ausbilden, obwohl sie reinerbig für diese Anlage sind und im Grunde Merkmalsträger sein müssten (W. Schlolaut, "Das große Buch vom Kaninchen", Seite 131, 2003).

Bei autosomal-rezessiven Mutationen kann die Ausprägung eines Merkmals innerhalb einer Gruppe von Individuen gleichen Genotyps sehr stark variieren. In Bezug auf das Merkmal "Spaltpenis" bedeutet das, dass es homozygote hy/hy-Tiere mit "fast" normalem Penis bis hin zu stark gespaltenem Penis gibt. Hierfür gibt es den Ausdruck der "Expressivität" ("Grad der Expressivität), welche die Veränderlichkeit in der Ausprägungsintensität eines Merkmals bezeichnet.
Ein Problem ist jedoch, dass Penetranz und Expressivität sowohl von anderen genetischen Faktoren als auch von der Umwelt beeinflußt werden.

Die Frage, ob der Erbgang des Spaltpenis polygen oder autosomal-rezessiv mit unvollständiger Penetranz und wechselnder Expressivität ist, kann ich dir nicht beantworten. Laut Hennig ("Genetik", Axel Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg-New York, 1995) sind Merkmale mit wechselnder Expressivität und unvollständiger Penetranz für genetische Analysen bzw. genetische Experimente meist wenig geeignet.

Ich habe noch in "The Biology of the Laboratory Rabbit", einem überaus ausführlichem Werk über Kaninchen nachgesehen. Bei den durch einfach mendelnden Gene verursachten Anomalien ist der Spaltpenis nicht dabei. Mit "hy" wird hier übrigens der Hydrocephalus ("Wasserkopf") bezeichnet. Niehaus scheint neben Robinson der einzige gewesen zu sein, der sich mit dieser Anomalie beschäftigte. Die meisten Hinweise, die ich gefunden habe, stimmen fast wortwörtlich mit Niehaus überein, zitiert wird er jedoch höchst selten.

Mit freundlichen Grüßen

NiceDay
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