Rückbesinnung auf die Züchtung des Typs
Eine aktuelle Aufgabe der Rassekaninchenzucht

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Artikeltyp: Fachartikel, Veröffentlicht am 25. Feb 2010 12:17 von reh
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Autor und Copyright: Walter Hornung
Verwendung des Textes an anderer Stelle nur mit Genehmigung des Autors.
Erschienen in der Kaninchenzeitung, Heft 22/2004.


Mancher Leser wird sich angesichts des Titels fragen: Was ist denn nun schon wieder los? Ist die Verwirklichung des idealen Typs nicht die selbstverständliche und ständige Aufgabe eines jeden Züchters? Wieso Rückbesinnung? Wann und wo sollte denn die genannte Aufgabe vernachlässigt worden sein?
Umgekehrt stelle auch ich Fragen: Ist die Entwicklung der deutschen Rassekaninchenzucht in den letzten Jahren wirklich ohne Fehl und Tadel? Sind die gegenwärtigen Tendenzen allesamt gänzlich unproblematisch? Gehen wir also ans Werk und versuchen wir Antworten auf die obigen Fragen zu finden.

Problem-Aufriss

Vor einer klaren Antwort möchte ich mich nicht drücken, wohl wissend, dass die folgende Behauptung und die weiteren Ausführungen manchen Widerspruch herausfordern werden. Wenn die Auseinandersetzung um das obige Thema durch diesen Beitrag in Gang gebracht wird, dann ist für mich aber schon ein wichtiges Ziel erreicht.
Ich stelle also die Behauptung auf, dass die Züchtung des Typs in unserer organisierten Rassekaninchenzucht in den letzten Jahrzehnten nicht bei allen Rassen sinnvoll beachtet worden ist, dass Entwicklungen zu beobachten sind, über die zumindest nachgedacht und diskutiert werden müsste, und dass in manchen Fällen und in mancher Hinsicht - zumindest aus meiner Sicht als Mitglied der ZDK-Standardkommission - Korrekturen der Zuchtziele oder des Zuchtverhaltens angesagt sind.
Einige der in diesem Zusammenhang zu erörternden Zuchtprobleme sollen an Beispielen erläutert werden. Manche der zu besprechenden Fälle sind ausgelöst worden durch Fachbeiträge und Leserbriefe in dieser Zeitschrift, andere durch Gespräche mit Kollegen „vor Ort”.
Vorab sei jedoch generell darauf hingewiesen, dass es nicht von ungefähr kommen kann, dass im neuen Standard 2004 bei allen Rassen die Kategorie „Typ” in die Rassebeschreibung aufgenommen worden ist. Im Allgemeinen Teil wird unterschieden zwischen dem Rassetyp als spezifischem äußeren Erscheinungsbild jeder einzelnen Raste und dem Geschlechtstyp als spezifischer Erscheinungsform der beiden Geschlechter. Die Analyse wird aufzeigen, dass in beiden Richtungen .gesündigt" worden ist. An ausgewählten Beispielen soll erläutert werden, wie der neue Standardtext durch genauere Typbeschreibungen bei den Rassen korrigierend und Zucht lenkend einzugreifen versucht.
Gleichzeitig sei aber auch betont, dass sich die folgenden Ausführungen vornehmlich als Diskussionsbeitrag verstehen und ausschließlich meine persönliche Sichtweise wiedergeben. Sollten sie zu relativierenden Gegendarstellungen Anlass geben, wäre - wie gesagt - das Ziel schon erreicht. Um die Problematik auf den Punkt zu bringen, möchte ich zwei Thesen voranstellen, die das Paradoxe der gegenwärtigen Situation unterstreichen.
  • These 1: Trotz der Vervielfältigung der Rassen und Farbenschläge in den letzten Jahrzehnten (man vergleiche einmal die Gesamtauflistung im Anhang des Standards 2004 mit dem ZDK-Standard von 1949, einem schmalen Heftchen!) und trotz der ständigen Präsentation weiterer Neuzüchtungen ist die gegenwärtige Phase der Rassekaninchenzucht gekennzeichnet durch die Gefahr, einem Hang zur Uniformisierung zu erliegen, im Gegensalz zu den Anfangszeiten der Zucht, die eher durch ein starkes Bestreben nach Differenzierung geprägt waren.
  • These 2: Die Bereicherung der Rassen und Farbenschläge durch den Typus der Hermelin und Farbenzwerge hat zugleich zu einer Verarmung des Erscheinungsbildes bei einigen anderen Rassen geführt.
Diese Thesen bedürfen einer kurzen Erläuterung: Es ist unbestreitbar, dass in den Anfangsjahren der Rassekaninchenzucht die gezielte Beobachtung, Verpaarung und Selektion aller Abweichungen vom Grundtyp des Wildkaninchens und das experimentelle Verpaaren verschiedener farblicher Erscheinungen zur Herausbildung der alten Rassen und zu den ursprünglichen Differenzierungen in Punkte Behaarung (Normalhaar, Kurzhaar und Langhaar), Größenrahmen (Größenwuchs auf der einen, Niedlichkeit auf der anderen Seite) und Farbe bzw. Zeichnung (Schönheit, Kuriosität und ästhetische Vielfalt) geführt haben. Manche damalige Zielsetzung mag aus heutiger Sicht extrem erscheinen, manche dieser Entwicklungen, wie z.B. das Längenwachstum der Behänge beim Englischen Widder oder die mit Semiletalität verbundene Verpaarung von Punktschecken werden heutzutage gelegentlich in einem sehr kritischen Licht dargestellt. Aber das ist ein anderes Thema.
Im Gegensatz zum damaligen Streben nach Differenzierung beobachtet man heutzutage bei etlichen Rassen eine Konzentration der Zuchtziele auf die Entwicklung gedrungener Rumpftypen, wuchtiger Köpfe und relativ kurzer Ohren. Nicht anders ist zu erklären, dass regelmäßig der Ruf nach genereller Einführung der Position „Kopf und Ohren" für alle Rassen laut wird und dass für bestimmte Rassen immer wieder Anträge an die ZDK-Standardkommission auf Einführung dieser Position gestellt werden wie zuletzt für die Kleinsilber oder Perlfeh.
Die vorstehende Beobachtung legt den Verdacht nahe, dass bei vielen Züchtern - vielleicht unterbewusst - eine Orientierung am „Kindchenschema” vorliegt, wie es bei den Hermelin und Farbenzwergen weitgehend verwirklicht erscheint. In Gesprächen mit Züchtern habe ich diesen Hang gelegentlich provokativ als eine Tendenz zum „Deutschen Einheitskaninchen” bezeichnet.
Um zu verdeutlichen, was ich mit der obigen Bezeichnung meine, zitiere ich den Kommentar eines deutschen Preisrichterkollegen, der die bei der letzten Europaschau angetroffenen „Weißwiener" aus der Schweiz schlichtweg als „Ziegen mit langen Köpfen” bezeichnete, und stelle drei Typen fotografisch nebeneinander: die Weißwiener-Häsin aus dem neuen Schweizer Standard 03, den Hermelin-Blauaugen-Rammler aus dem deutschen Standard 2004 und einen hochdotierten Weißen Wiener aus einer deutschen Zucht.
Natürlich ist die Weißwiener-Häsin aus der Schweiz für deutsche Züchter- und Preisrichteraugen gewöhnungsbedürftig, aber sie verkörpert mit Sicherheit eher den ursprünglichen Rassetyp, wie er Wilhelm Mucke 1907 vorschwebte, als gewisse auf den deutschen „Einheitstyp” getrimmte Rassevertreter; auf das Problem werde ich später eingehen.
Es ist sicherlich unbestreitbar, dass ein walzenförmiger Rumpf und eine ausgeprägte Kopf- und Ohrenpartie das Auge besonders ansprechen und unterbewusst einen gewissen Beschützerinstinkt auslösen, es sollte aber auch ebenso unbestritten sein, dass eine Verallgemeinerung dieser Erscheinungsform des Typs zu einer Vernachlässigung anderer Vorzüge führen kann. Die folgenden Beispiele betreffen sowohl den Rassetyp als auch den Geschlechtstyp; sie sollen Probleme aufzeigen, die bei bestimmten Entwicklungen in aller Regel auftreten.

Die „ideale" Zuchthäsin?


Um den Beitrag nicht mit Theorie zu ersticken, beginne ich die Besprechung der Beispiele mit einer Geschichte.

Es war bei der 11. Bundes-Rammlerschau 1987 in Kassel. Freudestrahlend kam mein damaliger und leider viel zu früh verstorbener Vereinskollege Bernard Rieke, Meister der Deutschen Rassekaninchenzucht, auf mich zu und berichtete, dass er bei der angegliederten Landesschau eine beeindruckende Marburger-Feh-Häsin erstanden habe, die hervorragend in „Kopf und Ohren" sei. Diese müsse er mir unbedingt zeigen. Man begab sich also zum entsprechenden Käfig, und auf meine Zweifel hin wurde unter Hinzuziehung eines Helfers das Geschlecht des Tieres festgestellt. Es war ein Rammler, offensichtlich eine Ummeldung, die ihren Weg in die „Papiere” nicht gefunden hatte. Der Kauf konnte rückgängig gemacht werden, und eine andere Häsin fand den Weg nach Münster – sicherlich nicht genauso „beeindruckend in Kopf und Ohren”.

Ich behaupte, dass solche Vorgänge sich Jahr für Jahr immer noch und eher verstärkt bei unseren Ausstellungen wiederholen und dass mancher Käufer seinen Irrtum erst im heimischen Stall entdeckt. Der Vorgang selbst aber ist symptomatisch für ein Verhalten vieler Züchter bei der Auswahl von Zuchthäsinnen, wobei ich selbst mich hierbei nicht ausschließen will. Im Unterbewusstsein ist der beeindruckende Phänotyp – besonders die Position „ Kopf und Ohren" betreffend – ausschlaggebend für die Kaufentscheidung.
Forscht man bei Züchtern nach, die über Jahre nach diesem Kriterium die Auswahl ihrer Zuchthäsinnen getätigt haben, dann wird man schon bald über die „Risiken und Nebenwirkungen" aufgeklärt. Trotz Fremdverpaarung lässt die Fruchtbarkeit deutlich nach, dafür nimmt aber der Anteil von Zwittern und Rammlern mit Spaltpenis bei der Nachzucht zu.
Kürzlich berichtete mir ein sehr bekannter und hinsichtlich der Bewertungen sehr erfolgreicher Züchter der Weißen Neuseeländer, dass er es gar nicht schlimm finde, wenn seine Häsinnen nur drei oder vier Jungtiere pro Wurf „brächten” Dafür seien aber in (fast) jedem Wurf mindestens zwei „Granaten” die entsprechend die Punkte holten, „egal ob Rammler oder Häsin”. Dass sich hier eine sehr problematische Tendenz abzeichnet und dass diese Entwicklung nicht nur die im Beispiel genannten Rassen betrifft, steht außer Zweifel. Ich bezeichne sie als „Uniformisierung des Geschlechtstyps”.
Nach meiner Meinung und Erfahrung ist diese Uniformisierung am weitesten bei den Hermelin und Farbenzwergen fortgeschritten, und ich gebe gerne zu, dass ich selbst dem Versuch, dieser Tendenz zu folgen, erlegen war (und vielleicht noch bin). Häsinnen und Rammler sind bei diesen Zwerg­rassen in einigen Zuchten kaum noch zu unterscheiden, um genauer zu sein, „Ausstellungshäsinnen” und Rammler. Dies ist mit ein Grund dafür, dass die Typanforderungen an die Häsin im Standard 2004 ausdrücklich in der Rassebeschreibung erwähnt werden und hinsichtlich der Kopfbildung – besser gesagt der Backenbildung – ein eindeutiges Unterscheidungskriterium genannt wird. Betroffen sind aber auch die Widderrassen einschließlich der Zwergwidder, auf die ich später eingehen werde.
Wie kann man der „Uniformisierung des Geschlechtstyps” entgegensteuern? Der Standardkommission ist dieses Problem seit langem bewusst. Bereits im Standard 1997 wird die starke Abweichung vom Geschlechtstyp bei den Köpfen nachhaltig geahndet. Die grundlegenden Unterscheidungsmerkmale von Rammler und Häsin werden im Standard 2004 noch eingehender beschrieben:
„Im Vergleich zur Häsin hat der Rammler die markantere Form, den aufgrund der ausgeprägteren Backenbildung wuchtiger wirkende Kopf, die stärkeren Knochen, die kräftigere Muskulatur, ein strafferes Gewebe und eine stärkere Haut. Der Körperbau der Häsin ist im allgemeinen etwas feiner als der des Rammlers, so dass der Geschlechtscharakter auch auf diese Weise äußerlich erkennbar ist.”
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Der Unterschied der Geschlechter muss also auch durch die unterschiedlichen Merkmale von Rammler- und Häsinnenkopf eindeutig zu erkennen sein: „Der Kopf der Häsin tritt ebenfalls markant in Erscheinung; er ist jedoch – v. a. Infolge der weniger ausgeprägten Backenbildung – insgesamt etwas feiner."
Bei einigen weiteren Rassen, bei denen eine Gegensteuerung besonders angesagt ist, wird speziell in der Rassebeschreibung das Besondere des Häsinnenkopfes hervorgehoben. Der Häsinnenkopf beim Rammler und der ausgeprägte Rammlerkopf bei der Häsin werden jeweils unter den schweren Fehlern aufgezählt. Hand aufs Herz! Wo kommt denn überhaupt noch ein Häsinnenkopf beim Rammler vor? Rammlerköpfe bei Häsinnen nehmen jedoch augenscheinlich zu, aber welcher Preisrichter hat denn schon jemals eine Häsin wegen eines ausgeprägten Rammlerkopfes mit „nicht befriedigend” von der weiteren Bewertung ausgeschlossen? Ich selbst habe heftige Kritik einstecken müssen, weil ich es „gewagt" hatte, den „angedeuteten Rammlerkopf” von WN-Häsinnen mit Punktabzug zu bestrafen.
Die „Uniformisierung des Geschlechtstyps” ist nach meiner Meinung eine ungesunde Entwicklung. Ich werde am Schluss des Beitrags auf generelle Konsequenzen zu sprechen kommen. Ob sie realistisch sind oder nur ein Wunschdenken meinerseits, das mögen andere entscheiden. Vorab möchte ich aber noch an anderen Beispielen erläutern, dass auch die „Uniformisierung des Rassetyps” eine ebenso unbestreitbare wie unerwünschte Tendenz ist.

Blauaugen-Neuseeländer und Satin-Neuseeländer


Eine der Rassen, bei denen die Konzentration der Zuchtziele auf die Entwicklung eines gedrungenen Rumpftyps, wuchtiger Köpfe und relativ kurzer Ohren besonders augenfällig zu beobachten ist, das sind ohne Zweifel die Weißen Neuseeländer. Ein Vergleich der beiden Bilder spricht nach meiner Meinung für sich.
Zu dieser Entwicklung hat sicherlich auch die alte Rassebeschreibung im Einheits-Standard '91 (Positionen 2, 4 und 5) ein wenig beigetragen:
„Der Körper ist gedrungen (blockig), breit, vollrumpfig und stark bemuskelt; auffallend kräftig und gut gerundet ist der Hinterkörper einschließlich der Schenkel. Die Läufe sind kräftig, verhältnismäßig kurz und breit gestellt. Die Blume ist kurz und liegt straff an. Der Kopf ist kurz, kräftig entwickelt, mit breiter Stirn und Schnauze versehen. (...) Die Ohren sind in ihrer Länge dem gedrungenen, breiten Körper entsprechend, stark im Gewebe und voll abgerundet.”
Das Ergebnis waren Rassevertreter mit massigem Rumpf, extrem wuchtigem Kopf und kurzen Ohren. Wie sollte es auch anders sein? Es waren häufig Tiere, denen jeglicher Stand fehlte, die aber dennoch gelegentlich mit höchsten Punkten belohnt wurden. Leichte Korrekturen enthielt bereits der Standard '97, der die Läufe „kräftig, kurz und etwas breit gestellt” beschrieb und auch „eine gewisse Bodenfreiheit” für erforderlich hielt.
Nicht ohne Grund versucht der Standard 2004 weitergehend korrigierend einzugreifen, indem die breite Stellung der Läufe, die ja der Bodenfreiheit abträglich ist, aus dem Standardtext herausgenommen wurde. Die entscheidende, Zucht lenkende Wirkung verspricht sich die ZDK-Standardkommission allerdings von der Festlegung verbindlicher Mindest-, Ideal- und Höchstlängen der Ohren. Wenn man so will, geht es darum, die Zuchtziele zu korrigieren, damit die Weißen Neuseeländer sich nicht im Typ zu vergrößerten Hermelin RA entwickeln, denen dann zudem noch der Stand fehlt.
Wie weit die vorstehend beschriebene Fehlentwicklung fortgeschritten ist, zeigte sich bei der Auswahl eines repräsentativen Rassebilds für den neuen Standard. Die Mehrzahl der Rassebilder, die bei der redaktionellen Bearbeitung zur Verfügung standen, war schon allein deshalb ungeeignet, weil sie Weiße Neuseeländer zeigten, die flach auf dem Tisch „lagen" Das Bild, für das die Redakteure sich entschieden haben, ist keineswegs ideal, aber es zeigt wenigstens eine Häsin mit brauchbarem Stand. Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, den Typ der Weißen Neuseeländer grundlegend zu verändern. Vielmehr gilt es, rasseuntypischen Entwicklungen entgegenzuwirken.
Das eigentliche Problem liegt jedoch auf einem ganz anderen Gebiet. Es ist nach meiner Einschätzung der ungeeignete Versuch, den Typ der Weißen Neuseeländer auf andere Rassen zu übertragen. Meine Kritik richtet sich zum Beispiel gegen den offensichtlich in einigen Zuchten unternommenen Versuch, durch Einkreuzen von Weißen Neuseeländern mit nach meiner Meinung falsch verstandener Zielsetzung die Weißen Wiener im Typ zu „verbessern”. Kaum anders kann ich mir das vermehrte Auftreten von so genannten Weißen Wienern erklären, die wuchtige Köpfe, sehr kurze Ohren und einen dazu passenden massigen Rumpf aufweisen, denen aber gänzlich die stolze Stellung des Weißen Wieners fehlt, wenn man so will, Weiße Neuseeländer mit blauen Augen. Vom Fellhaar solcher Weißen Wiener will ich gar nicht erst reden; man kann mit Fug und Recht behaupten, dass in einigen Zuchten die typische Struktur des Weiße-Wiener-Fellhaars verloren gegangen ist.
Auch hier versucht der Standard 2004 korrigierend einzugreifen, indem er eine „freie, mittelhohe Stellung” verlangt und die Ohrenlängen entsprechend festlegt.
Um nicht missverstanden zu werden: Ich möchte den Züchtern nicht den verdienten Erfolg zerreden und es steht mir nicht an, die Bewertung in Frage zu stellen, denn ich habe viele der Preisträger ja nicht gesehen und ich urteile nur ausgehend von den Fotos. Sollten die Bilder aber nicht täuschen, sollten sie also der Realität entsprechen, so stehe ich zu meiner Kritik an diesen Tieren, und ich stehe nicht alleine da, wie ich bei einer Schulungstagung erfahren durfte.
Nicht weniger problematisch sind die Typveränderungen, die bei den Satin durch – natürlich ungenehmigtes – Einkreuzen von Weißen Neuseeländern versucht worden sind, wobei es den Züchtern offensichtlich vornehmlich um die Köpfe ging.
Bei der 13. Bundes-Rammlerschau 1991 in Dortmund hatte ich das „Vergnügen” einige Satin-Elfenbein zu bewerten. Damals war es noch relativ leicht, solche Kreuzungsergebnisse zu erkennen und entsprechend zu bestrafen. Ihnen fehlte weitgehend die entsprechende Fellhaarstruktur und der typische Seidenglanz. Eine Bestrafung der wuchtigen Köpfe war allerdings kaum möglich, da sich diesbezüglich der Standardtext fast gar nicht von dem der Weißen Neuseeländern unterschied. Heutzutage sind Haarstruktur und Seidenglanz auch bei solchen Satin-Elfenbein weitgehend verbessert worden, die vom Kopf-und-Ohren- Typ her nach wie vor eher den Neuseeländern nahe stehen.
Dann ist doch alles in Ordnung oder? Ich meine nein. Zu einem Seidenhaarkaninchen gehört nach meiner Meinung einfach die entsprechende Eleganz. Seide ist ein feines Gewebe, Seidenglanz und feine Erscheinung gehören zusammen. Und darum sind bei den Satin nach wie vor die wuchtigen Körperformen und Köpfe fehl am Platze und gehören bestraft. Dies wird im neuen Standardtext (Standard 2004, S. 218/219) deutlich durch vergleichende Bemerkungen berücksichtigt. Verlangt wird ein „Körper, (der) leicht gedrungen” erscheint, wobei aber der ausgesprochen blockige Typ der Weißen Neuseeländer nicht anzustreben” ist und auch der Kopf „nicht so kräftig ausgeprägt wie bei den ausgesprochen gedrungenen Rassetypen” erwartet wird.
Damit ist dem Preisrichter bei der Bewertung eine Handhabe gegeben, auch hier dem Satintyp wieder mehr zu seinem Recht zu verhelfen. Bei konsequenter Anwendung der Standardbestimmungen darf eine Zucht lenkende Wirkung erwartet werden, zumal es Gott sei Dank auch noch hervorragende Vertreter des Typs gibt, wie das nebenstehende der Fotos zeigt.

Breite Köpfe und kurze Ohren um jeden Preis?


Nachdem die Hermelin und Farbenzwerge in den vorstehenden Abschnitten sowohl hinsichtlich des Geschlechtstyps („Ausstellungshäsinnen”) als auch hinsichtlich des Rassetyps („Kindchenschema”) erwähnt worden sind, möchte ich mich – selbst Züchter von Farbenzwergen – nicht vor kritischen Bemerkungen zu diesen Rassen drücken, denn es erscheinen auch hier einige kritische Gedanken zur Typentwicklung angebracht.
Eine im Verhältnis zum Rumpf sehr ausgeprägte Kopfbildung und ein deutlich reduziertes Längenwachstum der Ohren gehören seit jeher zu den Typmerkmalen dieser Rassen. Und das ist auch in Ordnung so, denn diese Merkmale unterstreichen das „niedliche" Erscheinungsbild. Schon in älteren Standardtexten wird für den Rammler eine Stirnbreite von 5,5 cm als Idealmaß beschrieben; Ohren galten bis 5.5 cm als ideal (z. B. Einheits-Standard '91). nach unten war keine Grenze gesetzt. Die Erhöhung des Normalgewichts von 1250 auf 1350 g (bereits 1991) hatte zunächst jedoch keine Konsequenzen.
Den Züchtern war freie Hand gegeben, und so entwickelten sich in manchen Zuchten Kopfbreiten - auch bei Häsinnen - von 6 cm und mehr sowie „Ohrenlängen" von teilweise weniger als 4 cm. In vielen Zuchten führte vor allem die Verbreiterung der Köpfe bei gleichzeitiger Verkürzung der Schädellänge bzw. des Oberkieferknochens zum vermehrten Auftreten von Zahnmissbildungen, von Schwierigkeiten der Häsinnen beim Gebären ganz zu schweigen. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass je untypischer das geschlechtsspezifische Erscheinungsbild der Häsinnen sich in Richtung Rammlerköpfe entwickelte, umso selbstverständlicher zur „Wehenspritze” gegriffen wurde. Mehrere so genannte Spitzenzüchter berichteten mir, dass der Einsatz der Wehenspritze zur Stützung des Geburtsvorgangs zu einer „selbstverständlichen Gewohnheit” geworden sei. Ein sehr bekannter Spezialzüchter der Hermelin RA erzählte mir vor Jahren beiläufig, dass er selbstverständlich auch Überbeißer-Rammler zur Zucht einsetze, wenn alles andere ideal vorhanden sei, „weil diese die besten Köpfe bringen”.
Es darf nach meiner Meinung kein Zweifel darüber bestehen, dass die oben beschriebenen Handlungsweisen als Fehlentwicklungen eingestuft werden müssen. Ich möchte nicht missverstanden werden: Natürlich passen Hermelin und Farbenzwerge mit langen, schmalen Köpfen und langen, dünnen und faltigen Ohren nicht in die Landschaft. Natürlich gilt es, die im Standardtext beschriebenen Rasse- und Geschlechtsmerkmale auszuprägen. Nachhaltig gewarnt werden muss aber vor artuntypischen Fehlentwicklungen. Zu diesen gehört vor allem auch die unkontrollierte Verkürzung der Ohren. Kaninchen müssen immer noch wie Kaninchen aussehen, und Farbenzwerge mit Ohren, die extrem kurz sind, erinnern mich doch eher an Maulwürfe oder Hamster.
Insbesondere die Entwicklung der Ohrenlängen auf zum Teil unter 4 cm veranlasste daher die Standardkommission korrigierend einzugreifen (vgl. ZDK-Lehrschrift 58/Juni 2000). Nicht nur die Beschreibung der Trageweise der Ohren wurde leicht verändert: Sie werden jetzt „nahe beieinander stehend, nach oben leicht v-förmig geöffnet” verlangt. Entscheidender war die Einführung einer Mindestlänge von 4,5 cm. Die Absicht, die Unterschreitung der Länge von 5 cm bis zur Mindestlänge als leichten Fehler mit Punktabzug zu ahnden, scheiterte an den Wortmeldungen „namhafter Spezialzüchter” im Leserforum der Fachzeitschriften. Die teilweise sehr vehementen Reaktionen sind ein deutlicher Nachweis dafür, wie stark die Fixierung auf die Züchtung kurzer Ohren mittlerweile gediehen ist.
Am vorstehenden Beispiel ist anschaulich nachzuweisen, dass Veränderungen des Rassetyps sich nicht nur durch Einkreuzungen fremder Rassen, sondern auch durch ein einseitiges, über Jahre praktiziertes und zu einseitigen Entwicklungen führendes Selektionsverhalten einstellen können. Dennoch handelt es sich – wie gesagt – nach meiner Auffassung um Fehlentwicklungen. Es kann und darf nicht die Aufgabe der ZDK-Standardkommission sein, solchen Entwicklungen billigend zu folgen, selbst wenn die Mehrheit der entsprechenden Züchter sich diesen Tendenzen anschlösse. Nach meiner Meinung darf man sich dann auch nicht wundern, wenn Mitglieder von bestimmten Organisationen, die möglicherweise noch nie selbst Kaninchen gezüchtet haben, aber genau hier ihr politisches Betätigungsfeld suchen, von „Extrem-Zuchten” sprechen und ein Verbot entsprechender Rassen anregen. Korrekturen sind daher ab und an unabdingbar, und wenn sie behutsam und rechtzeitig vorgenommen werden, sicherlich auch vermittelbar.
An einem weiteren Beispiel möchte ich nun zeigen, dass eine durch Selektion in eine bestimmte Richtung entstanden« Schieflage bereits durch schlichte Rückbesinnung auf den Standardtext und durch entsprechende Konsequenzen bei der Bewertung korrigiert werden kann. Die Rede ist von den Englischen Schecken.

Von Englischen Schecken im Chinchillaformat


Der Standard 2004 beschreibt den Typ der Englischen Schecken unverändert folgendermaßen:
„Der Körper ist leicht gestreckt und mit feinen Gliedmaßen versehen, die eine mittelhohe Stellung ergeben. Die Rückenlinie verläuft ebenmäßig und ist hinten gut abgerundet Der Kopf ist nicht so dicht am Rumpf angesetzt wie bei den kurzgedrungenen Rassen.”
Was bedeutet die ausdrückliche Abgrenzung gegenüber den kurzgedrungenen Rassen? Bei einem leicht gestreckten Typ kann die Brust nicht ausgeprägt breit erscheinen wie bei einem gedrungenen Typ. Auch der Kopf erscheint eher elegant, eben nicht „kurz” und „breit”, d. h. eher wuchtig wie bei den Kleinchinchilla. Allerdings sollte er auch bei den Englischen Schecken nicht lang und spitz wirken. Das muss bei der Bewertung konsequent berücksichtigt werden.
Erfahrene Züchter betonen immer wieder, dass „schwierige” Rassen, wie z. B. die Schecken, ihre Punkte „oben” holen müssen. Analysiert man unter diesem Gesichtspunkt die Bewertung der Englischen Schecken bei kleineren und größeren Ausstellungen, so wird man feststellen, dass der leicht gestreckte Typ selten mit 19 Punkten oder mehr in der Körperform bewertet wird. Demgegenüber werden häufig Rassevertreter mit ausgeprägten Köpfen und einem eher blockigen, gedrungenen Rumpf. der mehr dem Typ der Kleinchinchilla entspricht, mit hohen Bewertungen bedacht. Wer kann es da manchen Züchtern verdenken, daß sie ihre Anstrengungen eher in diese Richtung konzentrierten und dabei den einen oder anderen halben Punkt in der Kopf- oder Rumpfzeichnung riskierten? Nach meiner Meinung kann die feine Ketten- und Punktzeichnung aber nur voll zur Geltung kommen, wenn eine Englische Schecke sich elegant stellt und vielleicht noch etwas mehr leicht streckt, als auf den beiden Fotos zu sehen ist.
Blockige Englische Schecken stehen jedenfalls für eine Entwicklung in Richtung „Einheitskaninchen”, die nach meiner Meinung korrigiert werden muss. Eine Änderung des Standardtextes ist in diesem Fall nicht erforderlich. Es reicht, wenn die Standardbeschreibung zum Gesichtspunkt „Typ” konsequenter und rassespezifisch bei der Bewertungsausübung angewendet wird. In anderen Fällen erschien der ZDK-Standardkommission eine Änderung angebracht, wie im Folgenden darzustellen sein wird.

Zwergwidder: Größenrahmen und Typ


Bei den Zwergwiddern sah sich die Standardkommission veranlasst, korrigierend einzugreifen, um eine konsequentere Ausrichtung aller Zuchten am Typ zu fördern. Bei dieser Rasse wurde der Rahmen des Normalgewichts neu festgelegt. Hierbei ist besonders zu beachten, dass bei Zwergkaninchen ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Körpermasse und Typ besteht.
In prinzipieller Übereinstimmung mit dem Europastandard 2003 wurde für alle Rassen der neuen Normalhaar-Abteilung „Zwerg­rassen” einheitlich festgelegt, dass die Obergrenze des Normalgewichts nicht zugleich identisch ist mit dem Höchstgewicht und daß oberhalb des Normalgewichts bis zum Höchstgewicht eine unterschiedlich ausgeprägte „Pufferzone” Züchtungs- und Bewertungsspielräume zulässt. Was bisher für Hermelin und Farbenzwerge galt, wurde nun auch für Zwergwidder und Zwergschecken verbindlich.
Da die Toleranzgrenze für die Zwergschecken durch Erweiterung des Gewichtsrahmens um 100 g nach oben verschoben wurde, ergaben sich keine Einwände. Bei den Zwergwiddern wurden verständlicherweise Einwände laut, weil der Rahmen des Normalgewichts leicht eingeschränkt wurde. Daraus leiten sich Begründungszwänge ab, auf die ich im Folgenden gerne eingehen will.
Zunächst möchte ich – selbst seit 1977 Züchter von Zwergwiddern – darauf hinweisen, dass die getroffene Maßnahme dem Ziel dient, unterschiedliche Zuchtrichtungen bei verschiedenen Farbenschlägen der Zwergwidder zu vereinheitlichen.
Dem überwiegenden Teil der Züchter (vor allem der stark verbreiteten Farbenschläge) ist es in den letzten Jahren gelungen, Zwergwidder zu präsentieren, deren Ausstellungs- und Zuchtreife in einem Gewichtsrahmen von unter 1900 g anzusiedeln ist. Man brauchte nur einmal die Gewichtsangaben auf den Bewertungsurkunden der letzten Bundesschau zu studieren, um obigen Befund bestätigt zu sehen. Auf der anderen Seite findet man aber immer noch Ausstellungstiere vor, die entweder durch eine entsprechende „Diät” auf das Ausstellungsgewicht „heruntergehungert“ wurden und entsprechend eckig sind und lose in ihrer Fellhaut sitzen oder mit exakt 2000 g ausgereift sind, entsprechend wuchtig wirken und vielleicht deshalb höchste Bewertungen einheimsen. Alle Experten halten sowohl die „verschlankten” als auch die „wuchtigen” Zwergwidder, die ausgefüttert eher im Typ den Kleinwiddern entsprechen, für fehl am Platze.
Wie ich in dem Büchlein über die Zwergwidder (Verlag Oertel & Spörer. 3. Auflage 2004, Seite 30/31) ausführlich dargelegt habe, sehen ausgewiesene Kenner in einem Gewichtsrahmen zwischen 1650 und 1900 g den Idealbereich. in dem der Typ dieser Rasse optimal verwirklicht werden kann. Unter Berücksichtigung der bisherigen Untergrenze des Normalgewichts (1400 g) im Standard '97 und unter Beachtung des vorstehend erwähnten Europastandards hat die Standardkommission einen Normalgewichtsrahmen von 1500 bis 1900 g festgelegt.
Die „Minis” zwischen 1400 und 1500 g und die „Maxis” zwischen 1900 und 2000 g erhalten in Zukunft (ab 1. 10. 2005) nur noch 19 Punkte. Damit liegt die Marge des Normalgewichts immer noch deutlich über der, die den Niederlanden, dem Ursprungsland der Rasse, eingefordert wird, und am Höchstgewicht hat sich ja nichts geändert. Und somit lässt die Gewichtsskala den deutschen Züchtern nach meiner Einschätzung einen idealen Gestaltungs-Spielraum.
Umso erstaunlicher ist, dass ausgerechnet ein Teil derer, die den idealen Rahmen wie vorstehend beschrieben definiert haben, den Beschluss der ZDK-Standardkommission kritisierten und gar eine Erhöhung des Normalgewichts (für Häsinnen) auf bis zu 2200 g nahe legten.
Das Argument des Verlusts der Fruchtbarkeit im Falle der Senkung des Normalgewichts um 100 g kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen, da es einen monokausalen Zusammenhang zwischen Fruchtbarkeit und Gewicht nicht gibt; schließlich ist bei Hermelin, Farbenzwergen und Zwergfuchskaninchen die Obergrenze des Gewichts, also das Höchstgewicht dort angesiedelt, wo bei den Zwergwiddern das Normalgewicht beginnt. Die gleichzeitige Fixierung auf wuchtige „Rammlerköpfe” bei den Zuchthäsinnen scheint mir eine viel eindeutigere Ursache des Fertilitätsverlusts zu sein, wie ich zu Beginn des Beitrags dargestellt habe. Und überhaupt: „Zwergkaninchen” über 2000 g zum Zeitpunkt der optimalen Ausstellungsreife kann ich mir nicht vorstellen.

Typ der Marburger Feh und Englischen Widder


Wer den neuen Standardtext (2004) zu Position 2 der Marburger Feh mit dem des Standards '97 vergleicht, wird zugeben, dass die alte Formulierung zum Teil schon lange nicht mehr den Gegebenheiten entsprach. Die Tabelle macht den Unterschied deutlich. Hier lenkt der neue Text die Zucht nicht in eine neue Richtung, sondern er erkennt das Bestehende als gegeben an und erhebt es zum Maßstab. Anders verhält es sich bei den Englischen Widdern. Die Forderung von Behanglängen über 65 cm als ideales Mindestmaß ohne Grenze nach oben bei gleichzeitiger Forderung nach einem niedrigen Stand auf kurzen Vorderläufen hatte eine Gesamterscheinung der Englischen Widder zur Folge, die den Behang als Rassekennzeichen absolut in den Vordergrund stellte. Es darf wohl niemanden überraschen, dass von Kritikern gleich erkannt wurde, dass bei der entsprechenden Körperhaltung die Gefahr der Verletzung der Ohrmuscheln nicht von der Hand zu weisen war.
Sehr deutlich wurde der Ruf nach einem Verbot dieser Rasse artikuliert, so dass sich die ZDK-Standardkommission bereits 2000 veranlasst sah, korrigierend einzugreifen. Zum Schutz und zur Erhaltung der Englischen Widder gegenüber offenbar vorrangig politisch motivierten Forderungen, diese Rasse zu verbieten, hat die Standardkommission eine Übergangszeit von 5 Jahren definiert, in der die Behanglängen, die Behangbreiten und der Typ so umgezüchtet werden sollen, dass aus tierschutzpolitischer Perspektive keine Kritik mehr angebracht erscheint. Diese Übergangszeit endet mit dem 1. Oktober 2005. Die entsprechenden Übergangsbestimmungen für die Restzeit sind im Standard 2004 auf den Seiten 77 und 78 konkret dargestellt.
Der Wandel im Typ der Englischen Widder sei durch die Fotos veranschaulicht. Natürlich ist diese Veränderung der Typvorschriften nicht auf die ungeteilte Zustimmung der Züchter vom allen Schlag getroffen. Aber ich halte es für völlig unhaltbar, dass Kritiker Mitgliedern der Standardkommission unterstellen, dass man sie „eher für Vertreter dieser ‚Extrem-Tierschützer’ als für die der Züchter (hätte) halten können” (Zitat aus einem Leserbrief). Vielmehr ist der beschrittene Weg die einzige Möglichkeit, den Protagonisten des Verbots dieser alten Rasse Paroli zu bieten. Und wenn die ZDK-Standardkommission hier einmal dem Vorbild der Schweiz gefolgt ist. so kann das doch nicht schon allein deswegen ein Fehler sein, wie mir in einem privaten Brief eines Kritikers nahegelegt wurde: „Was nun Ihren Hinweis auf den Schweizer Standard angeht: Traurig genug, dass eine Organisation wie der ZDK (...) auf Rassebilder des kleinen Nachbarn zurückgreifen muss.” (gleicher Briefschreiber).
Allerdings ist die Standardkommission des ZDK bewusst in einem Punkt nicht dem Schweizer Standard gefolgt; sie gibt eine Höchstlänge und eine Höchstbreite an und lässt die Skala nicht nach oben offen. Wie sonst sollte eine Zuchtlenkung erreicht werden?

Rassetyp und Fellhaar


Dass der Rassetyp manchmal auch entscheidend vom Fellhaar und seiner Länge geprägt sein kann, das trifft nicht nur für die Kurz- und Langhaarrassen zu. Am Beispiel einer Fehlentwicklung möchte ich dies kurz anreißen.
Bei den Kleinchinchilla trifft man seit einigen Jahren Rassevertreter an, deren Fellhaar zwar sehr dicht ist, bei denen die Fellhaarlänge aber deutlich zum Kurzhaar hin tendiert. Die Folge ist, dass diese Tiere kaum noch eine nennenswerte Schattierung („Beraupung”) zeigen und die Deckfarbe sich eher in Richtung auf eine „Perlung” wie bei den Perlfeh entwickelt. Trotzdem erhalten solche Tiere bei manchen Bewertungen höchste Punktzahlen, vor allem weil sich ihre Felle extrem dicht anfühlen. Hier muss bei der Bewertung der Position 3 der erste Satz der Fellhaarbeschreibung: „Das Fellhaar ist nicht zu kurz...” konsequenter überprüft werden; allerdings passte die alte Forderung des Standards 1997: „Das Fellhaar ist mittellang...” wohl auch nicht zu einem Vertreter der Kleinen Rassen, zumal die Forderung „mittellang” wörtlich auch bei den Großchinchilla stand. Dass dieses Thema auch zu einer Besprechung weiterer Rassen reizt, liegt auf der Hand, aber kommen wir zum Schluss!

Schlussbetrachtung und Ausblick


Man sollte sich davor hüten, die Gesamtentwicklung der deutschen Rassekaninchenzucht schlecht zu reden. Hinsichtlich der Entwicklung der Rassen ist sicherlich vieles erreicht worden, sowohl in ästhetischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Schurergebnisse leistungsgeprüfter Angorakaninchen zum Beispiel stehen in keinem Verhältnis zu früheren Kontrollen. Fortschritte hinsichtlich Form, Typ, Fell und Rassemerkmalen sind bei fast allen Rassen unbestreitbar.
Dennoch bin ich nach wie vor der Meinung, dass Handlungsbedarf bei der Bewertungsausübung gegeben ist und dass bei den Züchtern ein Umdenken angesagt ist, wenn es um die Erhaltung der unterschiedlichen Typen und die Bekämpfung von Fehlentwicklungen geht.
Manche der oben kritisch beleuchteten Handlungsweisen scheinen mir doch zu sehr von dem Bestreben diktiert zu sein, möglichst viele Punkte bei der Bewertung einzuheimsen. Was die Entwicklung der Punktausbeute höchstbewerteter Zuchtgruppen anbelangt, braucht man doch nur die Kataloge der Bundesschauen zu konsultieren. Und spricht die im Juni 2004 beschlossene Zulassung der Zuchtgruppe 3 für Bundesschauen diesbezüglich nicht auch eine eindeutige Sprache? Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass es um eine Form der Leistung geht, die sich in Wertungspunkten und errungenen Preisen ausdrückt.
Das zunehmende Streben nach ständiger Steigerung der Punktausbeute bei der Bewertung darf aber kein vorrangiges Ziel gegenüber Zielen wie Fruchtbarkeit, Aufzuchtleistung und Bewahrung des geschlechtsspezifischen und rassespezifischen Typs werden.
Hier ist aber auch eine kritische Selbstbefragung der Preisrichterkolleginnen und -kollegen angesagt, ob sie nicht doch einen bestimmten Typ Rassekaninchen unbewusst bevorzugen. Die Kommentare, die ich von Kollegen über die gezielt in eine andere Richtung gehende Züchtung der kastanienbraunen Lothringer gehört habe, legen die obige Vermutung nahe.
Daher sollte man sich über folgende Grundsätze einigen können, wenn nicht gar einigen müssen:
  • 1a) Die im Standard für jede Rasse definierte Beschreibung des Typs sollte ausschließlich die jeweiligen Zuchtziele und die jeweilige Bewertungsentscheidung bestimmen,
  • 1b) Übertriebene und über die definierten Forderungen hinaus ins Extreme führende Entwicklungen sollten vermieden und bei der Bewertung entsprechend kritisch betrachtet werden.
  • 2a) Ein vorrangiges Ziel der Zucht sollte sein, dass bei allen Rassen Häsinnen als solche eindeutig erkannt werden können.
  • 2b) Abweichungen vom Geschlechtstyp sollten bei beiden Geschlechtern konsequenter geahndet werden.
Ich behaupte, dass eine Beachtung dieser Grundsätze auch weitere Ziele, wie z. B. Gesundheit und Infektionsresistenz positiv beeinflussen wird. RHD und Enterocolitis gab es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch schon früher, ohne dass man sie so benannt hätte. An ein derart seuchenhaftes Auftreten wie gegenwärtig kann ich mich allerdings nicht erinnern. Aber hier beginnt ein anderes Thema ...

Walter Hornung
 
 

Referenz

reh. "Rückbesinnung auf die Züchtung des Typs." Online-Beitrag. 25. Feb 2010 12:17. Kaninchenwissen.
20. Jan 2019 06:13. http://www.kaninchenwissen.de/knowledge/kb_show.php?id=59.

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