Säugeverhalten von Wild- und Hauskaninchen
Gemeinsamkeiten und Unterschiede – mehrjährige Untersuchungen in Freigehegen

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Artikeltyp: Fachartikel, Veröffentlicht am 8. Feb 2010 22:32 von reh
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Autor und Copyright: Steffen Hoy
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Erschienen in der Kaninchenzeitung, Heft 7/2002.


Über eine längere Zeit hinweg existierte die Auffassung, daß Kaninchen nur einmal in 24 Stunden säugen würden. Erst neuere Untersuchungen mittels Infrarotvideotechnik zeigten, daß das Säugen durchaus zwei- bis dreimal am Tage auftreten kann. Dennoch wurde auch nach diesen Ergebnissen kritisch gefragt, ob nicht die Haltung in (zu) engen Boxen ein häufigeres Säugen provozieren würde. Daher finden seil mehreren Jahren an der Universität Gießen (Institut für Tierzucht und Haustiergenetik) Analysen an Wild- und Hauskaninchen statt, die in zwei Freigehegen gehalten werden.

Freigehege für Wild- und Hauskaninchen

Auf der Lehr- und Forschungsstation Oberer Hardthof wurden zwei 150 m2 große Freigehege eingerichtet, die mit Holzbretterwänden ausbruchssicher umzäunt wurden. Den Tieren wurden Kunststoffröhren, halbierte Tonröhren und Holzkisten als Deckungsmöglichkeit angeboten. In jedem Freigehege wurde ein Kunstbau - ein aufgeschütteter Erdhügel, der von zwei Röhren mit Mündung in je eine Wurfbox durchzogen wurde - angelegt. Die Wurfboxen
(50 x 50 x 25 cm bei Wildkaninchen; 65 x 65 x 50 cm bei Hauskaninchen) befinden sich im Inneren eines Schuppens. Die Tiere werden an befestigten und überdachten Plätzen gefüttert (pelletiertes Fertigfuttermittel, Heu, Wasser zur freien Aufnahme). Es wurden je ein Rammler und zwei Häsinnen mit Nachzucht gleichzeitig pro Gehege gehalten und im Laufe der Zeit mehrmals ausgetauscht. Bei den Hauskaninchen handelte es sich vorwiegend um Tiere der Rasse Weiße Neuseeländer sowie ZIKA-Hybriden und Kreuzungstiere der Rassen Weiße x Rote Neuseeländer. Die Jungtiere wurden mit vier Wochen abgesetzt und aus dem Gehege entnommen.

Videotechnik

Über den Wurfboxen waren Infrarotkameras (WV-BP 500 oder WV-CD 810) zusammen mit einem Infrarotstrahler, der für die Kaninchen nicht sichtbares Lichl mit einer Wellenlänge von 880 nm abgab, installiert. Mittels eines speziellen Langzeitvideorecorders (AG 6024 HE) konnten 180-min-Videokassetten auf eine Aufzeichnungszeil von 24 Stunden gestreckt werden, so daß das gesamte Verhalten der Tiere in der Nestbox am Tag und bei Dunkelheit in der Nacht ohne Pause aufgezeichnet werden konnte. Die Boxen der Wildkaninchen waren dabei durch Bretter so abgedichtet, daß auch tagsüber Dunkelheit herrschte. Sämtliche Saugakte an 104 Tagen bei Wildkaninchen und 257 Tagen bei Hauskaninchen wurden ausgewertet. Die Zusammenfassung aller Ergebnisse liegt in der Doktorarbeit von Dieter Selzer vor.

Häufigkeit bei Wild- und Hauskaninchen ähnlich

Im Durchschnitt von 104 24-h-lntervallen (11 Würfe von 6 Häsinnen) betrug die Säugehäufigkeil 1,28mal in 24 Stunden bei den Wildkaninchen. Die Säugehäufigkeit bei den Hauskaninchen (8 Häsinnen mit 15 Würfen) war mit 1,12mal am Tag etwas niedriger. Säugehäufigkeit: Wildkaninchen 68,3 % und Hauskaninchen 86,8 % = 1 x, 26,9 % bzw. 11,2 % = 2x und 19 % bzw. 0,8% = 3x. Sowohl Wild-als auch Hauskaninchen zeigten die höchste Frequenz des Säugens in der zweiten Säugewoche und die niedrigste in der vierten. Wildkaninchen säugten im Mittel 1,48mal in 24 Stunden ihre zwei Wochen allen Jungtiere. In diesen wie auch in allen anderen Untersuchungen an Hauskaninchen stellten wir eine gegenläufige Dynamik von Säugehäufigkeit und Dauer eines Saugaktes fest. Mit zunehmender Frequenz des Säugens in 24 Stunden verkürzte sich die Dauer einer Säugung. So ging bei Wild- und Hauskaninchen die höchste Säugehäufigkeit in der zweiten Säugewoche mit der kürzesten Zeitdauer eines Saugaktes einher. Die Gesamtdauer des Säugens in 24 Stunden war auf diese Weise bei Wild- und Hauskaninchen nahezu identisch (228 Sek. Wildkaninchen, 237 Sek. Hauskaninchen). Die mittlere Dauer eines Säugens war mit 212 Sekunden bei den Hauskaninchen länger als bei den Wildkaninchen (179 Sek.).

Unterschiede im Säugezeitpunkt

Übereinstimmend säugten Wild- und Hauskaninchen ihre Jungen überwiegend in der Dunkelheit: bei Wildkaninchen zu 84 % und bei Hauskaninchen zu 86 %. Allerdings traten deutliche Unterschiede im Zeilpunkt der höchsten Säugeaktivität auf. Der Gipfel im Säugeverhallen war bei den Hauskaninchen zwischen 19 und 21 Uhr zu erkennen, während die Wildkaninchen ihre Jungtiere gehäuft erst nach Mitternacht säugten. Unsere Untersuchungen erstreckten sich vom zeiligen Frühjahr (Februar/März) bis in den Sommer hinein. Da aus früheren Untersuchungen bekannt war, daß bei den domestizierten Kaninchen der Licht-Dunkel-Wechsel zur abendlichen Dämmerung ein Zeitgeber für das Säugen darstellt, sortierten wir die Saugakte nach dem Zeitintervall, das zwischen Eintritt der Dunkelheit und Saugakt lag. Diese Auswertung bestätigte die zuvor getroffene Feststellung: Bei den Hauskaninchen trat die höchste Säugeaktivität in den ersten beiden Stunden nach Dämmerungsbeginn auf (nahezu die Hälfte aller Saugakte waren auf diese beiden Stunden konzentriert). Dagegen stellte sich der Peak in der Säugehäufigkeit bei den Wildkaninchen erst in der fünften Stunde nach Eintritt der Dunkelheil ein. 50 % aller Saugakte bei den Wildkaninchenhäsinnen lagen in der 3. bis 6. Stunde nach Dämmerungsbeginn.

Erklärung für diese Unterschiede

Bei Hauskaninchen besteht ein Tagesrhythmus des Säugeverhaltens. Der Licht-Dunkel-Wechsel fungiert dabei als Zeitgeber für das Säugen. Wenn es dämmert erhält die Häsin eine biologische Information (möglicherweise über Hormone oder nervale Reize aus dem mit Milch gefüllten Gesäuge), die Jungen zu säugen. Das überwiegend nächtliche Säugen ist bei (Wild-)Kaninchen sicher biologisch zweckmäßig, um die Luft- und Bodenfeinde nicht auf die Nestjungen aufmerksam zu machen. Die Hauskaninchen halten sich auch tagsüber außerhalb des Baues auf, fressen, urinieren und setzen Kot ab. Die Wildkaninchen befinden sich dagegen am Tag überwiegend im unterirdischen Bau. Sie kommen erst mit Einsetzen der Dämmerung am späten Nachmittag/frühen Abend heraus. In der Höhle haben sie weder zu fressen noch zu trinken. Normalerweise urinieren sie nicht in die Nesthöhle und setzen auch keinen Kot (oder nur wenig) dort ab. Demzufolge sind die ersten Verhaltensweisen, wenn sie am Abend aus dem Bau ausfahren, Koten, Harnen und Fressen. Erst wenn sie diese essentiellen Verhaltensweisen „ausgelebt" haben, kehren sie in die Nestbox zurück und säugen ihre Jungen. Insofern ist das Säugeverhalten sowohl bei Haus- als auch bei Wildkaninchen durch den Lichl-Dunkel-Wechsel als Zeitgeber gesteuert, bei Wildkaninchen allerdings bedingt durch die beschriebenen Verhaltensweisen zeitlich gegenüber den Hauskaninchen verschoben. Mit den Untersuchungen wurde zugleich wiederholt nachgewiesen, daß mehr als ein Säugen in 24 Stunden auftreten kann und daß ein häufigeres Säugen zum arttypischen Verhalten der Wild- und Hauskaninchen gehört.

Siehe auch Wie oft säugen Häsinnen ihre Jungen? Vergleichende Verhaltensuntersuchungen bei Wild- und Hauskaninchen (mit Bildern und Tabellen)
 
 

Referenz

reh. "Säugeverhalten von Wild- und Hauskaninchen." Online-Beitrag. 8. Feb 2010 22:32. Kaninchenwissen.
14. Dez 2019 12:10. http://www.kaninchenwissen.de/knowledge/kb_show.php?id=58.