Mutter-Kind-Beziehung
Ausgewählte Verhaltensaspekte bei der Kaninchenhaltung - von Prof. Dr. Steffen Hoy

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Artikeltyp: Fachartikel, Veröffentlicht am 17. Nov 2006 13:57 von reh
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Autor: Prof. Dr. Steffen Hoy, Justus-Liebig-Universität Gießen

In unserer Arbeitsgruppe wurden in den zurückliegenden Jahren umfangreiche Verhaltensuntersuchungen bei Wild- und Hauskaninchen (ZIKAs) durchgeführt. Einige wesentliche Erkenntnisse sollen hier vorgestellt werden. Diese Untersuchungen in zwei Frei-gehegen zeigten, dass zwischen Wild- und Hauskaninchen kaum Unterschiede im Mutter-Kind-Verhalten bestehen. Zum Komplex der Mutter-Kind-Beziehung zählen sowohl das Verhalten der Häsin vor und während der Geburt als auch im engeren Sinne die Verhaltensweisen zwischen der Mutter und ihrem Wurf.

Verhalten der Häsin vor der Geburt

Die Geburtsvorbereitung beginnt ein bis zwei Tage vor der Geburt mit dem Bau des Nestes. Wildkaninchen nutzen dazu unterirdische Baue mit Satzröhren. Diese Baue können aus einer unterschiedlichen Anzahl von Röhren (bis 150) und Kammern (bis 111) bestehen und werden über Generationen genutzt. Während Wildkaninchen im Freigehege sehr schnell unterirdische Baue anlegten, konnte in eigenen Untersuchungen bei Hauskaninchen (ZIKAs) in keinem Fall das Graben eines Baues oder einer Satzröhre beobachtet werden - es blieb lediglich bei Scharraktivitäten. Als Nestmaterial nutzen Kaninchen am Futterplatz angebotenes Heu, im Gehege gesammeltes Gras, Stroh oder in der Nestbox angebotene Hobelspäne. Außerdem wird das Nest mit büschelweise aus Brust, Bauch und Flanke herausgerissenen Haaren ausgepolstert.

Geburt der Jungen

Die herannahende Geburt kündigte sich durch eine erhöhte Unruhe der Häsin an - die Häsinnen wechseln häufig den Aufenthaltsort. Bei Gruppenhaltung von männlichen und weiblichen Tieren lässt sich unmittelbar vor der Geburt ein gestiegenes Interesse des Rammlers für die Häsin beobachten: der Rammler folgt der Häsin bis in das Nest und beschnuppert sie intensiv.
Während der Geburt sitzt die Häsin gekrümmt vor oder in dem Nest und beleckt sich. Nach der Geburt beleckt die Mutter ihre Neugeborenen und frisst die Eihäute. (Anm. von reh: das macht sie alles abwechselnd, so wie die Jungen halt kommen wird dauernd geleckt, Eihaut gefressen usw.)

Bei nahezu allen im Freigehege bei Gruppenhaltung auftretenden Wild- und Hauskaninchengeburten ist der Rammler anwesend. Er unternimmt bereits während des Geburtsvorganges Deckversuche, die von der Häsin kaum abgewehrt werden. Diese Kopulationsversuche werden nach der Geburt fortgesetzt und sind häufig erfolgreich, so dass im Abstand von durchschnittlich 30 Tagen (Wildkaninchen) bzw. 31 Tagen (Hauskaninchen) Würfe gesetzt werden. Die Geburten fanden in unserem Freigehege bei den Wildkaninchen vorwiegend nachts, bei den Hauskaninchen dagegen überwiegend am Tage statt. Die Geburtsdauer (Abstand zwischen der Geburt des ersten und des letzten Jungtieres eines Wurfes) beträgt im Mittel 12 Minuten (Wildkaninchen) bis 20 Minuten (Hauskaninchen). Nach der Geburt graben sich die Jungtiere in das Nestmaterial ein. Neugeborene, die außerhalb des Nestes geboren werden, versuchen schnell, zu dem übrigen Wurf zu gelangen.

Mutter-Kind-Beziehung

Während früher davon ausgegangen wurde, dass eine Mutter-Kind-Beziehung bei Kaninchen nicht oder kaum existiert, weisen neue Untersuchungen auf häufigere Kontakte zwischen der Mutter und ihren Jungen hin. Ein zentraler Punkt dabei ist das Säugen der Jungtiere. Bis vor kurzem existierte die überwiegende Auffassung, dass Häsinnen ihre Jungen einmal in 24 Stunden säugen würden. Neuere Untersuchungen zeigen dagegen, dass der Saugakt keine konstante Größe darstellt, sondern mehrmals am Tag auftreten und durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden kann. Infrarot-Videoaufzeichnungen bei insgesamt 85 Würfen (Weiße Neuseeländer, ZIKA-Hybriden) ergaben, dass an 55,9 % aller Tage einmal, an 34,6 % der Tage zweimal, an 4,1 % der Intervalle dreimal und zu 1,3 % mehr als dreimal in 24 Stunden gesäugt wurde. Der Saugakt kann in drei Phasen eingeteilt werden: in der ersten Phase springt die Häsin auf das Nest und die Jungen suchen je eine Zitze, in der Hauptphase schießt die Milch ein und die Häsin sitzt starr auf dem Nest, in der dritten Phase wendet das Muttertier sich den Jungen zu. Das Säugen findet überwiegend im Nest statt. Lediglich zwischen 4 und 8 % der Saugakte vor allem bei älteren Jungtieren erfolgen außerhalb des Nestbereiches.

Die größte Häufigkeit der Saugakte tritt in der zweiten Säugewoche auf. In einzelnen Untersuchungen wurden im Mittel der zweiten Laktationswoche 1,8 Saugakte in 24 Stunden gefunden.
Die durchschnittliche Dauer eines Saugaktes beträgt etwa 200 Sekunden (ca. 3,5 Minuten). Mit zunehmender Häufigkeit des Säugens in 24 Stunden verkürzt sich die mittlere Dauer des einzelnen Saugvorganges. Ebenso lässt sich eine gegenläufige Dynamik von Häufigkeit und Dauer der Saugakte in 24 Stunden im Verlauf der Säugewochen nachweisen. Von der ersten zur zweiten Säugewoche nimmt die Häufigkeit des Säugens zu und die durchschnittliche Dauer eines Saugaktes ab. Nach der zweiten bis zur vierten Säugewoche reduziert sich die Anzahl der Saugakte pro Tag, und die Dauer eines Saugvorganges verlängert sich.
SäugewocheAnzahl
Beobachtungstage
Dauer des Saugaktes
im Mittel (sec)
Häufigkeit der Saugakte
in 24 h Mittelwert
12492141,37
22871931,52
33051991,44
42042111,34

Durch ein Absperren der Häsinnen von ihrem Wurf über Nacht und die Wägung der einzelnen Jungtiere vor und nach dem am Morgen nach Entfernen der Abtrennung stattfindenden Saugakt konnte nachgewiesen werden, dass der prozentuale Anteil der Jungtiere, die bei dem Saugvorgang keine Milch bekommen hatten, im Mittel 8 % betrug. Bei Würfen mit einer Wurfgröße von maximal 4 Jungtieren zeigten 3 % der Jungen keine Gewichtsdifferenz vor und nach dem Säugen des Wurfes (als Anzeichen mangelnder Milchaufnahme), während in großen Würfen mit 8 bis 11 Jungen dieser Anteil ca. 10 % betrug.
Zwischen verschiedenen Rassekaninchen unterschiedlicher Größe (Deutsche Wid-der, Helle Großsilber, Weiße und Rote Neuseeländer, Fuchskaninchen, Rhönkaninchen, Widderzwerge) deuten sich Unterschiede im Säugeverhalten an: Mit abnehmender Körpergröße bzw. -masse verringert sich statistisch gesichert die Säugedauer von durchschnittlich 226 auf 193 Sekunden je Saugakt.

Auch Wildkaninchen säugen ihre Jungen häufiger als einmal in 24 Stunden (im Mittel 1,31mal pro Tag mit einer mittleren Dauer des Saugaktes von 179 Sekunden).


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Wildkaninchen in der Nestbox

Das Säugeverhalten unterliegt einem 24-Stunden-Rhythmus, wie verschiedene Untersuchungen an verschiedenen Standorten, in unterschiedlichen Haltungssystemen und bei einer großen Zahl an Hauskaninchen wie auch an Wildkaninchen zeigten. Bei einem Kunstlichtprogramm (Lichttag von 5 bis 17 Uhr) fanden 25 % aller Saugakte in den ersten beiden Stunden nach dem Ausschalten des Lichtes statt. Die überwiegende Anzahl an Säugungen (71 bis 80 % aller Saugakte) erfolgte bei den dämmerungs- und nachtaktiven Kaninchen in der 12-stündigen Dunkelphase. Wurde das Kunstlichtregime um eine Stunde verschoben (Lichttag von 6 bis 18 Uhr), verzögerte sich auch der Gipfel der Säugehäufigkeit um eine Stunde. Unter Naturlicht kann vom Frühjahr zum Sommer eine eindeutige Verschiebung der Säugeaktivität von etwa 19 Uhr (März/April) nach 22 Uhr (Juli) festgestellt werden.

Eine Trennung der Mutter vom Nest über Nacht, wie es in der Praxis gelegentlich zur Senkung der Jungtierverluste praktiziert wird, ist vor dem Hintergrund des arttypischen Säugens in den Dämmerungs- und Nachtstunden kritisch zu betrachten. Gleiches trifft auf die 24- bis 36stündige Trennung der Häsin von ihrem Wurf zur "Biostimulation" der Empfängnis zu. Es liegen Untersuchungen an insgesamt 1630 Jungtieren vor, in denen bereits eine zweimal pro Woche durchgeführte Absperrung der Mutter von der Nestbox über Nacht zu einer deutlichen Reduzierung der Absetzmasse führte.

Im Hinblick auf den Zeitpunkt der Saugakte zeigt sich auch bei Wild- und Hauskaninchen im Freigehege eine Bevorzugung der Dämmerung und der Dunkelheit für das Säugen: zwischen 83 % (Hauskaninchen) und 85 % (Wildkaninchen) aller Saugakte entfallen auf diese Zeitabschnitte. Im Gegensatz zu den Wildkaninchen, bei denen der Gipfel der Säugeaktivität zwischen 0 und 1 Uhr liegt, nutzen die Hauskaninchen die abendliche Dämmerungsphase weitaus häufiger zum Säugen. Bei den Hauskaninchen hat offensichtlich der Licht-Dunkel-Wechsel beim Ausschalten des (Kunst-)Lichtes bzw. in der natürlichen abendlichen Dämmerung eine deutliche Zeitgeberfunktion für das Säugeverhalten. Bei den Wildkaninchen hingegen verschiebt sich der Gipfel der Säugeaktivität in die späteren Nachtstunden (nach Mitternacht). Eine Erklärung dafür kann sein, dass die Wildkaninchen sich nahezu während der gesamten Hellphase des Tages in dem unterirdischen Bau aufhalten. Erst in der Abenddämmerung verlassen sie die Röhren. Die Beobachtungen zeigen, dass die Kaninchen nach dem Ausfahren aus dem Bau zunächst ihren Bedarf an Koten/Harnen und Futteraufnahme zu decken bestrebt sind und erst danach ihre Jungen säugen. Die Hauskaninchen halten sich dagegen auch tagsüber häufig außerhalb des Baues auf und haben somit genügend Gelegenheit zur Futteraufnahme und zur Ausscheidung. Bei ihnen führt der Licht-Dunkel-Wechsel unmittelbar zum Auslösen des Saugaktes.
Im Vorfeld des Saugaktes lässt sich eine gesteigerte Unruhe der Jungen beobachten. Die Jungtiere schieben das Nestmaterial zur Seite und klettern übereinander. Untersuchungen zur Lautanalyse bei Kaninchen ergaben, dass eine Woche alte Wildkaninchenjungen bereits ca. 15 Sekunden vor dem Einfahren der Häsin in das Nest mit einer intensiven Lautgebung reagieren. Dabei ist noch nicht geklärt, wie die Jungen die herannahende Mutter wahrnehmen. Wahrscheinlich ist es die Vibration, wenn die Mutter den Eingang zum Nest erreicht, die die Jungtiere wahrnehmen. Die Jungtiere sind zu diesem Zeitpunkt noch blind und taub. Während des Säugens signalisieren schmatzende Geräusche die Milchaufnahme. In den Stunden vor dem Saugakt geben die (Wild-)Kaninchenjungen wesentlich mehr Laute von sich als nach dem Säugen.
Ein Verschließen der Satzröhre bzw. des Nestes nach dem Säugen durch die Mutter lässt sich nur in etwa 3 % der Saugakte beobachten. In den meisten Fällen verlassen die Häsinnen nach dem Saugen mit einem Sprung das Nest, manchmal putzen sie den Zitzenbereich.

Beginnend ab Ende der zweiten Säugewoche und dann mit zunehmender Intensität in der dritten und vierten Laktationswoche treten Saugversuche der Jungtiere auf - abhängig allerdings vom Haltungssystem. Im Freigehege bleiben diese Versuche erfolglos, da die Häsinnen weg springen. In Stallhaltungen sind wesentlich mehr Saugversuche zu beobachten (bis 17mal in 24 Stunden), die in maximal 5 % der Fälle auch zum Saugen führen. Der Erfolg der Saugversuche ist von der Reaktion der Häsin abhängig: in Boxen mit erhöhter Sitzfläche sind die Jungtiere weniger erfolgreich, da die Mutter sich durch Hochspringen den Bedrängungen entziehen kann.

Neben den Nestkontakten der Mutter und den Saugversuchen der Jungen kommt es ab Ende der zweiten Lebenswoche zu weiteren Kontaktaufnahmen durch die Jungen. Zumeist beginnen die Kontakte mit dem Beschnuppern der Jungen. Manchmal hocken die Jungen in geduckter Körperhaltung vor der Mutter, die dann gelegentlich beginnt, Kopf und Ohren der Jungtiere zu belecken. In Stallanlagen klettern die Jungen auch auf die Mutter. Unabhängig vom Haltungssystem ist bei allen Hauskanin-chen ein "Ankuscheln" der Jungen an die Mutter zu beobachten, wobei sie sich seitlich an die Häsin hocken und ruhen.

Gruppenhaltung von Häsinnen mit Jungen ist nicht praxisreif

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Unter Welfare-Aspekten wird u.a. auch die Gruppenhaltung von Häsinnen mit Jungen diskutiert. Neue niederländische Untersuchungen unter praxisnahen Bedingungen mit elektronischer Einzeltierkennung und Nestboxenzugang nur nach Identifikation der jeweiligen Häsin (also mit einem technisch sehr aufwändigen und teuren System) ergaben folgende Probleme:
  • hohe Anzahl an Nestbesuchen und von Verhaltensstörungen
  • hohe Sterblichkeit der Jungtiere
  • schwierige Gesundheitskontrolle der Einzeltiere
  • höheres Risiko von gesundheitlichen Störungen (z.B. Kokzidiose)
  • Eingliederung neuer Häsinnen bei Ausscheiden von Tieren ist schwierig sowie
  • höhere Produktionskosten.
Auf dem Treffen eines EU-Forschungsnetzwerkes im Mai 2004 in Wageningen (Niederlande) wurde zur Gruppenhaltung von Häsinnen festgestellt, dass für eine wissenschaftlich seriöse Diskussion eine gute Datenbasis zu Verlusten, Krankheitshäufigkeiten, Leistungsdaten und Kosten unbedingt erforderlich ist. Es ist unmöglich, nur auf der Grundlage praktischer Erfahrungen, jedoch ohne Angaben zu den genannten Kriterien (insbesondere zu Sterblichkeit und Krankheitshäufigkeit) zu Schlussfolgerungen zu gelangen. Das Auftreten von aggressivem Verhalten zwischen den Häsinnen resultiert aus der Bildung einer Rangordnung in einer Gruppe, was allerdings grundsätzlich zum natürlichen Verhalten gehört. Unsere eigenen Ergebnisse belegen, dass erhebliches aggressives Verhalten zwischen Häsinnen auch dann auftritt, wenn eine kleine Gruppe (in unserem Fall 1 Rammler und 3 weibliche Tiere) im Freigehege mit 150 m2 Fläche gehalten werden. Insofern sind auch bei der Gruppenhaltung Einzelboxen notwendig, um aggressive oder kranke Tiere zu isolieren. Die Gruppenhaltung von Häsinnen kann gegenwärtig nicht in größerem Umfang zur Anwendung empfohlen werden. Aus Belgien liegt ein aktueller Bericht vor, wonach der einzige Betrieb mit Gruppenhaltung im Haupt- bzw. Nebenerwerb geschlossen werden musste, da die gesundheitlichen Probleme (insbesondere Kokzidien) nicht zu beherrschen gewesen waren. Die Einzelhaltung reproduzierender Häsinnen bleibt demzufolge in nächster Zukunft das Haltungssystem der Wahl, wobei ein hoher hygienischer Standard vor allem in Betrieben mit hoher Tierzahl absolut notwendig ist. Eine Gruppenhaltung von säugenden Häsinnen kann nach dem jetzigen Erkenntnisstand dann zufrieden stellend funktionieren, wenn der Zugang zu den Wurfnestern nur der jeweiligen Häsin möglich ist. Dies erfordert jedoch die oben genannte teure elektronische Einrichtung mit einem Chip in der Ohrmarke und einer Erkennungseinrichtung, die die Wurfbox für alle "fremden" Häsinnen verschließt.
 
 

Referenz

reh. "Mutter-Kind-Beziehung." Online-Beitrag. 17. Nov 2006 13:57. Kaninchenwissen.
22. Mär 2019 03:04. http://www.kaninchenwissen.de/knowledge/kb_show.php?id=20.

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